Auf einen Kaffee nach Dahlem
17. Januar 2007
Es gibt kaum Schöneres, als die Freiheit zu haben, an einem Mittwoch Nachmittag auf ‘ne Tasse Kaffe’ raus nach Dahlem zu fahren. Dahlem. Zwischen einen Haufen freundlicher Villen, noblen Karosserien und jede Menge teils lennéesk verschnittenes Grünzeug wuchtete man irgendwann Mitte des letzten Jahrhunderts einen Ort des Lehrens und Lernens, auf dass es dort lebendiger werde.

Ich freue mich auf die Reise ins quirlig grüne Unidorf so sehr, dass ich aufs Rasieren pfeife, notdürftig in die Schuhe springe und ab geht die Post. Mit der U-Bahn windet sich der Besucher durch einen Graben dorthin. Zu verlockend ist die ländliche Frischluft, um gleichgültig drunter durch zu tuckern. Endlich angekommen, wuseln und schnattern die Studierenden in jedem noch so kleinen Nebenweg, ab und zu unterbrochen von in unrhythmischen Intervallen piepsenden Federgeschöpfen über ihnen.
Ich frage mich, ob dieser Ort am Wochenende tot ist. Ob selbst die Vögel am Freitag abend die Koffer packen und woanders hinfliegen. Und mir selbst will kein einziges mal einfallen, dass ich an einem Sonntag hier gewesen wäre. Dabei ist es doch fast immer wie Sonntag, hier, für mich. Und so gehe ich in die Caféteria und trinke eine Tasse Café Creme, schwarz. Ich bin nur Tourist. Ich gehe gleich wieder. Nicht so in Friedrichshain, wo mir, obgleich dort wohnhaft, rentenbeziehende Ex-SEDler im grauen Annorak hinterherwettern, ich solle mich dahin zurück scheren, wo auch immer ich hergekommen sein möge. Verbitterte Spreewaldgurkenkäufer, die finden, dass ich “wie die Besatzer im Irak” sei. Menschen, denen man sagen möchte, es gibt ein Leben vor dem Tod! Und, wenn sie das nicht wahrhaben möchten, gibt es doch immer noch Lichtenberg. Ein reizender Bezirk, in welchem man sogar noch in richtigen Platten vor sich hin modern kann – zusammen mit vielen anderen Plattenbaumenschen jeden Alters.
Da gelobe ich mir den Universitätstourismus nach Dahlem. Dann lieber Dahlemer, die es sich neben dem Villa-Suburbana-Glück leisten können, das Wochenende über gelangweilt Däumchen zu drehen, weil sie kaum den Montag abwarten können, wenn die Stadtmenschen wiederkommen. Dann hängen sie sich den guten Pelz lässig über die Schulter, steigen in die BMW-Cabrio-Spezialanfertigung und cruisen un peu “durch den Kiez”. Hin und wieder fahren sie dann weiter weg und kommen schließlich mit Köstlichkeiten aus dem Lafayette wieder. O, wie ich es liebe, wenn ihnen dann ein Fluch auf die unerhörten Ossis auf den Straßen über die kaviar-verklebten Lippen wandert. Ich schaue sie an wie ein Verliebter und bilde mir ein, dass sie das tun, um meine Friedrichshainischen Paranoia zu tätscheln. Dass sie mich eigentlich gern auf einen Tee in ihr geschmackvoll eingerichtetes Teezimmer einladen, mir mit einem warmen Lächeln über die raue Wange streicheln und sich all’ meine Sorgen anhören möchten… Nur die Etikette verbietet ihnen den Umgang mit mir — und das Wissen, dass aller Zauber, den solch ein Dahlemer Idyll hergeben kann, verloren geht, sobald sich die Parallelwelten treffen.
20. Januar 2007 at 4:56
ach, das haben sie herzallerliebst geschrieben. wissen sie noch, als uns beiden in der wühlischstraße eben diese zarten flüche (geht dahin, wo ihr hergekommen seid) hinterhergeschmettert worden sind? es war frühling. es war wunderschön. es war friedrichshain.
21. Januar 2007 at 4:06
aber selbstverständlich. ich entsinne ich doch immer wieder gern dessen und wiege mich sehnsüchtiger melancholie.. nee. mal im ernst! ich war heute wieder im südkiez und ich finds einfach nur zum kotzen, mittlerweile kann ich dem rentner nachempfinden, dass ihn bestimmte menschen auf den sack gehen, aber ich glaube, aus einer entschieden anderen perspektive heraus…
30. Januar 2007 at 0:41
[...] Auf einen Kaffee nach Dahlem tyroflakes wird mit alten Ressentiments im Berliner Nobelvorort Dahlem konfrontiert: “O, wie ich es liebe, wenn ihnen dann ein Fluch auf die unerhörten Ossis auf den Straßen über die kaviar-verklebten Lippen wandert.” (tags: blog vorort) [...]