Fernsehstudien III
17. Januar 2008
Hol die Chips raus, jetzt kommen die Tagesthemen.
Diesmal schimpft die aufgebrachte Öffentlichkeit darüber, dass wieder einmal ein ausländisches Unternehmen in Deutschland sein er-heu-schreckendes Unwesen treibt. „Bochum, du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau“ dachte sich das Handtelefonie-Unternehmen Nokia, das jetzt damit vielleicht den Einbürgerungstest qua solider Grönemeierkenntnisse bestehen könnte, zöge es diese schlimmen Finnen nicht doch eher nach Rirum-Rarum-Rumänium. So werden also höchstwahrscheinlich die 2300 Bochumer Futtertröge, an denen man gerade noch mästete und melkte, demontiert und ab geht’s nach Osteuropa – aber natürlich über Los und im Vorrübergehen werden 33 Mio. EU-Euros eingezogen. Die Menschen sehen sich entrüstet an, sie schütteln ihre leeren Köpfe, denn sie können es einfach nicht fassen. Sie verstehen nicht, wie man nur so sein kann. Geht es den Unternehmen im Kapitalismus etwa immer nur um Profit??
Es knistert vor Spannung… Es ist die Stelle im Film, wo die Protagonisten kurz davor sind, die Matrix, in die ihr gesamtes armseliges Leben sich bettet, zu bemerken. – Ich schalte besser um. Das kennt man ja. Diese Low-light-Neoliberalismus-Kritiker vermiesen einem nur wieder die Fernsehlust. Weil sie gewiss die unlogischste aller Reaktionen wählen werden und man als Zuschauer vor Wut in die Fernbedienung beißt ob soviel offensichtlicher Blödheit.
Auf dem Regionalsender wütet eine alte Westberlinerin mit einer Gruppe euphorisch für den unterstellten „Volkswillen“ der Berliner_innen engagierter CDU-Anhänger im Rücken gegen die Schließung des innerstädtischen Flughafens Tempelhof: „was hätten wir damals ohne den gemacht?!“ und „wir müssen ja nicht alles drüben im Osten haben“. – Nicht nur die Berliner Luftbrücke scheint die ehemals Eingemauerte noch immer – in den Gelenken oder wo auch immer – fühlen zu können. Auch dass sie seit über achtzehn Jahren schon gar nicht mehr eingemauert ist, was die Notwendigkeit zur Errichtung einer erneuten Luftbrücke sehr unwahrscheinlich macht, scheint die Dauergewellte entweder wenig zu trösten oder sogar nicht einmal zu wissen. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine ganz besondere Variante einer pathologischen Angst. Eine Art überdimensionale Klaustrophobie, die zudem auch noch prospektiv wirkt, sozusagen die Angst davor, eventuell wieder eingemauert zu werden. Sicherlich wäre sie dann gut beraten, unbedingt in die Nähe eines nicht so schnell schließenden Flughafens zu ziehen, besser noch: dort einzuziehen. Und was die Mauer angeht: nur weil man etwas nicht (mehr) sieht, heißt es ja schließlich nicht, dass es nicht da ist. Das kennen wir ja schon von Schummelheini Gott oder der Sonnenfinsternis.
- Und aus.