Sehr schön lässt sich am aktuellen Diskurs über Steuerhinterziehung die „Lebenslüge der SPD“ ablesen, analysiert Felix Klopotek in der aktuellen Jungle World:

„Diese bizarre Verkehrung in der öffentlichen Wahrnehmung hat mit der Lebenslüge des »organisierten Kapitalismus« zu tun. Ihr liegt das Ideal eines sozialen Betriebskapitalismus zugrunde, die Vorstellung, dass man die Arbeiter durch Mitbestimmung, Betriebspatriotismus und Anerkennung ihrer Forderungen, sofern sie sich auf den Betrieb beschränken und keine politischen Flausen sind, zu besseren Leistungen motivieren könne. Diese Ideologie, dass Arbeiter und Unternehmer doch am gleichen Strang ziehen, besteht in ausgereifter Form seit etwa 100 Jahren. (…)

Die verlogene Vorstellung des sozialen Betriebskapitalismus entspricht der verlogenen Unterscheidung von »schaffendem« und »raffendem Kapital«. (…)

Dieser Betriebskapitalismus funktioniert ganz und gar symmetrisch. So wie das Kapital hin und wieder irritiert auf widerspenstige Arbeiter starrt, die sich dem Ordnungs­ruf ihrer Gewerkschaft nicht sofort unterwerfen, so zeigen »die da unten« völlig entsetzt auf Geldwäscher und Steuerflüchtlinge, die sich der Solidargemeinschaft entziehen. Beide Formen des Ausreißens, nach unten (der wilde Streik) wie nach oben (die wilde Spekulation), werden nicht geduldet. Sie gelten als Verfehlung, als gemeinschaftsfremd und betriebsschädigend.“

Tier-Schicksale I

26. Februar 2008

| Tyroflakes – Das Schicksal der Meise

„Denke beim Badputz immer schön daran, etwas, eine Kleinigkeit, verändert zu hinterlassen, damit die Anderen Deine gute Tat bemerken!“ heißt es im WG-Guide. Allerdings sollte diese Kleinigkeit nicht zu klein sein — wie etwa der falsch herum aufgesetzte Dusch-Hahn-Wechselhebel* der Wanne, der mir leider nicht die ersehnte Aufmerksamkeit und mit ihr die Anerkennung und den Ruhm einbrachte, den ich mir für die zwei Stunden Badschrubberei ausgerechnet habe. Was jetzt? Direktes Darauf-Ansprechen, um dann zu hören „Ach — Du hast geputzt“? Alles Staunen und Wundern im Anschluss an diese Frage ringt sich der_die angesprochene Mitbewohner_in ohnehin nur mühevoll ab, um nicht undankbar dazustehen, aber mit dieser Demütigung wächst auch ihr Hass auf mich. Was schlichtweg als das Gegenteil von dem, was ich wollte, bezeichnet werden kann.

Ein Teufelskreis.


*)Vorsicht! Wenn die Dinge schon so lange Namen haben, können sie nicht wichtig sein.

Aus aktuellem Anlass berichtet Titanic:

und hier das Modelprojekt „Senioren-Bootcamp Herbstzeitlose“:

Distinktion

22. Februar 2008

Robuste Bäume wanken, wenn er durch sie hindurchspaziert, im Park. These nice brown eyes. Fire hair, fire hair. Ich kann nicht hinsehen. Mach das Licht aus und dreh Dich nicht um. Wenn alles hinter Dir zusammenfällt. Dann ist das ein schlechter Film. Er mag Filme. Mag Dramatik, mag Dramaturgen. Mark Brandenburg. Zu lange her. Ist er nicht mehr. Jetzt vollkommen neue Welten und endlich ein weißer Schal, der so heißt wie sein Leben schmeckt — und erhebende Gefühle im Park. Alles für ihn bereitgestellt. Muss ich weglaufen. These nice brown eyes. Fire air, fire air. Mark aus Brandenburg geht nicht mehr. Ging früher mal. Vielleicht. Robust bin auch ich nie gewesen.

Aber andererseits:

21. Februar 2008

Bildtitel: Berlin im Osten

Da rennt er rum und sammelt. Sammelt die Sprachen der anderen. Fetzen um Fetzen, um sie zu vernetzen. Im eigenen Mund werden Schmetterlinge draus. Die flattern hinaus und dann sind die Zuhörenden beeindruckt. Von ihm. Sind aber eigentlich beeindruckt von den vielen Menschen, deren Sprache er schon gesammelt hat. Bloß keinen Fehler. Ich bin die Konsistenz — pass bloß auf, dass ich immer da bin. Pro Person.
Denn das Schlimmste wäre, würden die anderen ihn «komisch» finden. «komisch» tut weh. «komsich» findet er sich schon selbst. Brauch er die anderen nicht für.

Man kann immer noch so tun, als wär’ man sicher. Als würde man sich selber glauben, was man den ander’n erzählt – Die Sterne.

Das OSBFNK again

20. Februar 2008

Halb 7. Ich liege seit  2 Stunden im Bett mit dem verdienten Schlaf einer anstrengenden Barschicht. Da schreit es. Das Obersturmbannführernachbarkind schreit von nebenan. Is ja auch Zeit. Es schreibt nicht, nein, es schreit. Könnte mir auch mal schreiben, was es zu schreien hat. Schreit lieber. Zu blöd zum Schreiben. Da kommt mir auf einmal Loriot in den Sinn: Der genervte Ehemann, der am Ende der Szene resignierend vor sich hin starrend die beschwörenden Worte „Ich bringe sie um, morgen bringe ich sie um“ murmelt.

Party Jail

19. Februar 2008

Du bist frei
Und willig
Unfreiwillig
Im Party Jail

Take a Mindmap
Und ne Tasse Tee
Dann raus und schmeiß
Das Spray
Nicht in die Spree
Sonst sagen
Die Fische
Adé

Kettenkarussell

16. Februar 2008

Eine weiterführende Schule, die hat engagierte Schüler und ebensolche Lehrer. Am Tag der offenen Tür stehen die dort überall in den Gängen und Räumen rum und lächeln einen freundlich an, als kennten sie einen schon von neulich oder wann. Schnell wird der Raum gescannt, um die Anwesenden nach Besuchern und Besuchten zu unterschieden. Der Chemieraum riecht wie der Chemieraum früher, der Kuchen vom Kuchenbasar löst sich auf den Servietten genauso wie früher in Krümel auf, wenn man damit rumrennt. Nur alle freundlicher hier, kaum kann sich einer retten vor der ihm entgegen schlagenden Aufgeschlossenheit, die führt ihn zu diesem schön spannenden Experiment hier, wenn Sie mal möchten?, zu jenem Basteltisch mit den üblichen entzückenden Albernheiten, welche aufwendig in der Vorbereitungsstunde erdacht wurden, bestückt, locker in den Raum gestellt dieser Tisch, als wäre hier quasi sowieso nie Schule, sitzen schon zwei kleine Jungs dran und wissen nicht, wozu sie da basteln. Ihre Gesichter ängstlich, als müssten sie strafbasteln wie im Kindergarten in der Schämecke, weil zu viel herumgealbert und ganz unverhofft dabei erwischt, da überwacht, und dann bestraft. Neben dem üblichen Quizzzettelchen und dem Kram zum Anfassen und Staunen: in einem Stuhlkreis die Möglichkeit, ein Buch vorzulesen und dies als mp3 aufzunehmen, — die keiner ergreift. Ergreifend ist, wie liebevoll um die Gunst der Besucher geworben wird. Dass man sich glatt schämt. Man schämt sich, sobald man einen Raum betritt, egal welchen, alle beschämen. Es gibt genug Gründe, warum ich da nich mehr hin will. Allein, dass das alles schon mal war, dass die Jugendlichen zwar nicht weit von meinem Alter entfernt ihre künftige Entwicklung in den Gesichtern zu stehen haben. Dass ich ihre Leben kenne, ohne sie zu kennen, dass ich ihre Hoffnungen kenne und Ängste. Wie schön das in ein paar Jahren wie Basarkuchen auf Servietten zerbröseln wird, was ihnen jetzt noch ernst ist.

Ich krümele fort. Runter Richtung Ubahn. Steig ein, setze mich. Gegenüber ein Paar Anfang SECHZICH, sieht genauso aus, wie man Anfang SECHZICH als Paar aussieht. Unterhalten sich. Mann mit dickem Bauch, Frau mit dicken Hüften. Ihre Körper müssen sich schon vor Jahrzehnten voneinander entfremdet haben. Doch sie halten sich. Halten sich gegenseitig an ihren Armen und ihren Händen fest. Das ist alles was sie noch können und das werden sie solange tun, bis der Tod ihnen einen Strich durch die Rechnung macht, denn sie sind das Ehemann-Ehefrau-Gespann. Solche Gespanne sind anerkannt, die dürfen in freier Wildbahn nach Lust und Laune im Gleichschritt geloppieren, wiehern und weiden. Irgendwas sagt sie da über irgendwas auf dem Bahnsteig. Er antwortet da irgendwas zurück. Die Rollen sind eingeübt. Und sie halten sich fest, fest an diesem Stück, das sie immer und immer wieder aufs Neue aufführen werden. — Jetzt bloß keinen falschen Neid.