Kettenkarussell

16. Februar 2008

Eine weiterführende Schule, die hat engagierte Schüler und ebensolche Lehrer. Am Tag der offenen Tür stehen die dort überall in den Gängen und Räumen rum und lächeln einen freundlich an, als kennten sie einen schon von neulich oder wann. Schnell wird der Raum gescannt, um die Anwesenden nach Besuchern und Besuchten zu unterschieden. Der Chemieraum riecht wie der Chemieraum früher, der Kuchen vom Kuchenbasar löst sich auf den Servietten genauso wie früher in Krümel auf, wenn man damit rumrennt. Nur alle freundlicher hier, kaum kann sich einer retten vor der ihm entgegen schlagenden Aufgeschlossenheit, die führt ihn zu diesem schön spannenden Experiment hier, wenn Sie mal möchten?, zu jenem Basteltisch mit den üblichen entzückenden Albernheiten, welche aufwendig in der Vorbereitungsstunde erdacht wurden, bestückt, locker in den Raum gestellt dieser Tisch, als wäre hier quasi sowieso nie Schule, sitzen schon zwei kleine Jungs dran und wissen nicht, wozu sie da basteln. Ihre Gesichter ängstlich, als müssten sie strafbasteln wie im Kindergarten in der Schämecke, weil zu viel herumgealbert und ganz unverhofft dabei erwischt, da überwacht, und dann bestraft. Neben dem üblichen Quizzzettelchen und dem Kram zum Anfassen und Staunen: in einem Stuhlkreis die Möglichkeit, ein Buch vorzulesen und dies als mp3 aufzunehmen, — die keiner ergreift. Ergreifend ist, wie liebevoll um die Gunst der Besucher geworben wird. Dass man sich glatt schämt. Man schämt sich, sobald man einen Raum betritt, egal welchen, alle beschämen. Es gibt genug Gründe, warum ich da nich mehr hin will. Allein, dass das alles schon mal war, dass die Jugendlichen zwar nicht weit von meinem Alter entfernt ihre künftige Entwicklung in den Gesichtern zu stehen haben. Dass ich ihre Leben kenne, ohne sie zu kennen, dass ich ihre Hoffnungen kenne und Ängste. Wie schön das in ein paar Jahren wie Basarkuchen auf Servietten zerbröseln wird, was ihnen jetzt noch ernst ist.

Ich krümele fort. Runter Richtung Ubahn. Steig ein, setze mich. Gegenüber ein Paar Anfang SECHZICH, sieht genauso aus, wie man Anfang SECHZICH als Paar aussieht. Unterhalten sich. Mann mit dickem Bauch, Frau mit dicken Hüften. Ihre Körper müssen sich schon vor Jahrzehnten voneinander entfremdet haben. Doch sie halten sich. Halten sich gegenseitig an ihren Armen und ihren Händen fest. Das ist alles was sie noch können und das werden sie solange tun, bis der Tod ihnen einen Strich durch die Rechnung macht, denn sie sind das Ehemann-Ehefrau-Gespann. Solche Gespanne sind anerkannt, die dürfen in freier Wildbahn nach Lust und Laune im Gleichschritt geloppieren, wiehern und weiden. Irgendwas sagt sie da über irgendwas auf dem Bahnsteig. Er antwortet da irgendwas zurück. Die Rollen sind eingeübt. Und sie halten sich fest, fest an diesem Stück, das sie immer und immer wieder aufs Neue aufführen werden. — Jetzt bloß keinen falschen Neid.