Eines Morgens erwachte Herbert K. mit einer Dauerwelle. Sein ganzes Leben hatte er schwer geschuftet! Überhaupt war er nicht mehr der Jüngste und dann erwachte Herbert K. einfach so und wusste von der ersten Sekunde an, was los ist. Lag auf dem behaarten Rücken, riss plötzlich die Augen auf, als wollte er sie schreien lassen. Fuhr hoch und tastete vorsichtig die neue Frisur ab. Die Lage schien aussichtslos. Überall fluffiges voluminöses mittelblondes Haar, das sich da elegant in seine Handflächen schmiegte. Herbert K. war kein Mann vieler Worte. Vermied das Sprechen, wo er nur konnte. Ein Gespräch mit Herbert K. brachte nicht viel, denn Herbert K. wusste nichts. Nichts von sich und nichts von der Welt. Herbert K. wusste nur, wie man Steine in die Straße klopft, damit andere, die mehr wüssten von der Welt, darüber flanieren und sich über die Welt unterhalten könnten. Ihm selbst waren immer Steine sehr wichtig gewesen. Und Pünktlichkeit. Aufm Bau versteht sich sowas von selbst…

PUNKT SIEBEN steht Herbert K. auf der Baustelle Rackerstraße. Hier wird jetzt alles neu gemacht und Herbert K.s Händen sei Dank! PUNKT SIEBEN steht eine Dauerwelle auf der Baustelle. Herbert K. wirft den Baufahrzeugmotor an. Klaus ist auch schon da. Mist. Klaus erkennt Herbert nicht, fragt, was der da zu suchen hat. Herbert sagt, mein ganzes Leben habe ich schwer geschuftet. Klaus sagt, verpiss Dich, du Tunte. Herbert K. verpisst sich nicht. Herbert K.s Hände haben schon Steine in die Erde geprügelt. Jetzt prügeln sie Klaus in die Fresse. Achim kommt und sagt ey. Herbert rennt ins Baufahrzeug mit dem brummenden Motor, der die ganze Zeit schon mit dem Wecken der faulen studentischen Anwohner_innenschaft beschäftigt ist. Achim ist ein kräftiger alter Bursche mit geil Haare auf der Brust und voller Zorn auf Herbert K. Herbert K. ist aber schon am Herumschaufeln. Er lädt die Steine von dem Haufen der einen Straßenseite und fährt sie rüber auf die andere, wo er sie scheppernd auf einen anderen Haufen fallen lässt. Klaus blutet wie Sau. Achim rennt hinter dem Baufahrzeug her. Ist aber zu sehr damit beschäftigt, es cool aussehen zu lassen. Läuft deswegen breitbeinig und mit Hackfresse.

Es begab sich, dass die Sanierung der Rackerstraße einige Monate mehr in Anspruch nahm als vorgesehen. Herbert K. fing an, sich für Groschenromane zu interesieren, deren Seiten er in seinen groben Händen, die ihr ganzes Leben schwer schufteten, wie Geldscheine hielt. Herbert K. wusste fortan mehr von der Welt. Während seine Kollegen in der Pause ein Bierchen zischten, saß er in der Führerkabine seines Baufahrzeuges, in der Hand einen guten Ärzteroman, Strähnen seiner längerwerdenden Dauerwelle fielen ihm ins grimmige Gesicht. Zu dieser Zeit bekam Achim einen Bauch. (Herbert auch). Die Arbeit auf der Baustelle wurde für Herbert K. von Tag zu Tag interessanter. Und er hätte niemals geglaubt, dass er einmal etwas „interessant“ finden könnte. Schon recht nicht die Arbeit. Die Kollegen respektierten Herberts neues Leben, nur ab und wann mussten sie laut schreien, um das Motorgeräusch zu übertönen, wenn er mal wieder, während des Arbeitens nicht aufhören konnte zu lesen und die Steine noch in der Schaufel waren, obwohl sie doch endlich auf den Haufen fallen sollten. Dann musste geschrien werden „Heeeerrrbeeeerrrt!!!“, denn man stand ja nicht gern den lieben langen Tag an einem Steinhaufen und wartete endlos darauf, dass sich doch die Schaufel, die darüber schwebte, bequemte, sich selbst zu entleeren, sodass man sich unvorsichtig am Steinberg würde bedienen können. Denn die Steine sollten da ja nicht herumlungern, die Steine gehörten in die Erde gerammelt.

Herr Bert, ein netter Anwohner der Rackerstraße, schreckt hoch. Jeden Morgen passiert das. Er träumte gerade eben noch zuckersüß… Da war so ein Schüler von ihm (ein ganz ungehorsamer!) in der Dusche (und onanierte!) und Herr Bert in der Tür (KLAMMheimlich!). Auf einmal rief es laut von hinten „Heeeerrr Beeeerrrt!!!“ und der Schüler blickte zur offenen Duschtür. Sah Herrn Bert mit dem knallroten Gesicht und der offenen Hosentür. Alle lachten. — Nun liegt Herr Bert schwer atmend mit Schweiß im Gesicht in seinem Bett, seine Augen schreien, sein Mund hächelt wie ein Hund hächelt. Rennt nackt zum Fenster, schreit „Ruhe!“, weil alle lachen. Schauen alle Bauarbeiter hoch — und lachen. Herr Bert zuckt und verriegelt und verrammelt sich.

[...]

5 Responses to “Aus dem Leben des Herbert K.”

  1. thomasL Says:

    wie geht es denn weiter???

  2. tyroflake Says:

    …schon in Arbeit!

  3. polma Says:

    ach die dauerwelle hatten wir vergessen! herr lich! zum kringelig lachen. und auch ein wenig jelineckisch.

  4. tyroflake Says:

    ich hatte darauf gehofft, dass es dir auffallen würde: jelineckisch! haha, schön gesagt!


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