Schwarzrotgold — alles nur ein Spiel?
11. Juni 2008
Im Folgenden ein paar Gedanken, die ich gern mal sortieren wollte.
Als ich noch ein kleiner verblendeter Lausbub’ war, hatte ich einen Fahnenfetisch… Am Ersten Mai bin ich immer mit strahlenden Augen durch unser kleines DDR-Städtchen spaziert, denn alle 50 Meter war ein Fahnenmast aufgestellt. Abwechselnd rot und schwarz-rot-gold mit wunderschönen Ährenkranz und Hammer und Zirkel wehten und leuchteten sie geschmeidig im Frühlingswind und machten die Straßen so farbig, so bunt.
Das ist nun schon ein Weilchen her und die zynische pubertäre Erkenntnis siegte über das infantile Gefühl, das mich ein paar Grundschuljahre zuvor noch beim Anblick eines solchen Banners überwältigte. Schließlich war es auch eine neue Einstellung im Gehirn. Ein neues Tuning, das auf die politischen Implikationen von Geschmacks- und Werturteilen zielte.
2006, etliche Jahre später, gibt es diese Seite: http://www.die-fahne-bleibt-dran.de/index.php?id=1
und diese Seite: http://www.du-bist-deutschland.de
Die Forderung zur Identifikation mit Deutschland, welche nicht nur zum Arbeiten für Deutschland, nein ganz unverblümt auch zum „Gebähren für Deutschland“ führen soll, wirkt in postindustriellen, postnationalen und erst recht postnazistischen Zeiten befremdlich auf das (einigermaßen kritische) Individuum, gar lächerlich. Daher müssen solche Kampagnen gut verpackt sein — daher werden sie aber andererseits auch so zahlreich im Internet persifliert.
Die Nation in der fortschreitenden nicht nur räumlichen Expansion des Kapitalismus braucht das nationalistische Bewusstsein ihrer Bürger_innen mehr denn je. Muss ihm auf die Sprünge helfen, wenn die Opferbereitschaft nachzulassen droht. Rassismus und Nationalismus sind die zwei Seiten einer Münze, auch wenn das die Akteur_innen der o.g. Kampagnen gerne anders sähen. Rassismus ist also ein hausgebackener Kuchen, der auch stets nachgebacken wird, nur die zu braunen, schon verkohlten Ränder muss man hin und wieder abschneiden, damit der Kuchen noch „schön“ und begehrlich aussieht für die Gäste. (Auch im NS gab es groß angelegte Säuberungsaktionen in den eigenen Reihen, Stichwort „Röhm-Putsch“)
Das Muster Schwarz-Rot-Gold übernimmt hierbei erst einmal ganz banal die Funktion eines Signifikanten, der dem Individuum die Möglichkeit gibt, anderen zu signalisieren, welcher Gruppe dasselbe zuzuordnen sei.
Da das Muster gestaltlos und nichts mehr als Farbe und ihre Anordnung im Raum, aber keine „räumliche Form“ darstellt, ist seine Anwendbarkeit auf Artefakte beinah sämtlicher Art gegeben — sei es Schnürsenkel, Schminke, Hosenträger, Kleidung, Armbänder, Frisuren. Vorausgesetzt natürlich, die Anwendung findet unter Farben-Sehenden statt.
Und diese unzähligen Möglichkeiten nehmen die eifrigen Nationalbürger_innen auch ordentlich wahr. Fast könnte man dem Treiben einen Hauch Individualismus abgewinnen, so kreativ scheinen die Deutschen in ihrem Bemühen, eine möglichst originelle Applikation der Nationalfarben an ihrem Körper zu tragen. Ihr Körper, der getrimmt wird, ‘flexibel’, gebährfreudig, gehorsam, aber eben auch ‘besonders’ zu sein. Die Arbeitskraft muss sich, wie alle anderen bei gleichem Gebrauchswert konkurrierenden Waren auch, über ihr Design, ihre Verpackung auf dem Markt anpreisen.
Bleibt noch die Frage, warum sich alle so draufstürzen. Dass sie Deutsche sind, wissen sie doch nach einem Blick in ihren Ausweis und die Signalfunktion der drei Farben ist eigentlich auch obsolet, wenn man nicht unbedingt von einem peniblen Staatsbürgerbegriff ausgeht… Es ist die völkische Solidarisierung mit der in den europäischen Wettkampf delegierten Sportgruppe. Also alles nur ein Spiel? Ich glaube kaum. Die Deutschen haben endlich wieder ein Symbol, mit dem sie auch als Einzelne der Welt zeigen können, dass sie sich positiv auf die deutsche kollektive Identität beziehen. Und mit dem „Rausch der Spiele“ fiebern sie den Rausch der Nation gleich mit. Was sie lange Zeit griesgrämig meinten nicht zu dürfen, wird durch die spielartige Wettkampfsituation einer WM oder EM nun legitim gemacht.